Re: Rewilding Creativity

Ich habe eine E-Mail-Adresse, mit der ich mich für Newsletter anmelde. In manchen Wochen steht die Zahl Hundert hinter Eingang in diesem Postfach. Das geschieht vor allem, wenn ich im Urlaub bin – wie auch letzte Woche. Den Großteil der Newsletter lösche ich direkt, doch einer hat meine Aufmerksamkeit geweckt und ich las ihn. Mehrmals. Dann leitete ich ihn in mein primäres Postfach weiter.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Kreativität. Auch wenn das Wort vielen Marketeers und gewöhnlichen Menschen zum Halse raushängt, hat es für mich eine Tiefe, deren Ausmaß schwer beschreiblich ist. Ich versuchte es dennoch mit Theorien und Projekten rund um Kreativität als Ressource für Städte, für Unternehmen, für Veranstaltungen. Doch auch wenn ich einige Prozesse in meiner Heimatstadt anstieß, ich Horizonte erweiterte, ein kreatives Ökosystem sichtbar machte und darauf deutete, was Kreativität bedeuten kann, so kam ich bislang nicht zufriedenstellend zum Kern. Ressource, Wert, Wirtschaftlichkeit – all das war für mich zu oberflächlich, zu sehr auf das Resultat gerichtet. Zu sehr basierend auf der Weltsicht, wie sie aktuell existiert: Eine verkopfte Industriegesellschaft.

Im seinem Substack-Newsletter vom 19.4.26 beschreibt Indy Johar die in der Gesellschaft wahrgenommene Angst, dass durch KI nun auch noch die letzte menschliche Bastion eingenommen werde. Stile, Bilder, Filme, Musikstücke und weiteres werden künstlich generiert. Wird die Kreativität selbst also künstlich generiert?

Seine Antwort resoniert mit mir, auch wenn sie gleichzeitig viele systemische Probleme auftischt: Das, was automatisiert wird, ist eine Art von Kreativität, die auf vergangenen Daten basiert. Das ist das eine, und auch nicht unbedingt neu für mich. Relevant wird mir sein Gedankengang durch die systemische Brille: Diese kreativen Daten werden in einem eingeschränkten System geformt, das auf den Prinzipien einer Industriegesellschaft fußt. Kreativität wird ausgerichtet nach dem Output, dem Stil und der bestmöglichen Verbreitung. Die Maschinen replizieren Kreativität basierend auf den Prinzipien.

Dieser Gedankengang, dass uns die Kreativität abgenommen wird, macht doch eigentlich nur unser aktuelles eingeschränktes Verständnis von Kreativität in einer Industriegesellschaft deutlich. Ich bin seiner Meinung: Die Frage mag vielleicht im Übergang sein, wie wir unsere Kreativität vor Maschinen (rechtlich) schützen können, doch viel mehr begeistert mich die systemische Frage: Welche Gesellschaft wollen wir sein und welche Rolle spielt Kreativität dann – in ihrer und unserer Tiefe? Wir werden durch das Aufkommen von KI und Co. endlich mit unseren gedanklichen Grenzen konfrontiert: Was hat Wert? Ist es nicht der kreative Prozess selbst?

When machines begin to outperform us within this domain, they are not invading a wild territory. They are operating within a domesticated one“ (Article „Rewilding Creativity“, Indy Johar, 19.4.2026)

Das ist es, was ich spüre. Beziehungsweise, das ist es was ich spüre, das fehlt: Menschen in kreativer Wildnis, in wilder Kreativität. Archaisch und tief, verbunden und vernetzt. Das was ich bislang vor allem in indigenen Kulturen und indigener Kunst und Musik gespürt habe.

Es gibt sie, diese Menschen und Kollektive. Möglicherweise meine ich doch eher die Offenheit und das Verständnis für diese Kreativität? Und die gemeinsame Imagination einer neuen, auf gemeinschaftlichen Werten gebaute Gesellschaft.