
Ich habe letztens einen Newsletter von Indy Johar gelesen. Der Betreff: Rewilding Creativity – Kreativität auswildern. Darauf folgten viele Gedankenkreise: Ist unsere Definition von Kreativität artgerecht? Welchen Raum gibt es für menschliche Kreativität in der High-Tech Industriegesellschaft? Und welchen Wert hat Kreativität? …oder sind das vielleicht die falschen Fragen?
Kreativität als Ressource
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Kreativität. Auch wenn das Wort vielen Menschen zum Halse heraus hängt, hat es für mich eine Tiefe, die ich schwer in Worte fassen konnte. Ich versuchte es dennoch und tat es immer wieder – mit Studien, Projekten und Events rund um Kreativität als Ressource für Politik, für Verwaltung, für Unternehmen, für Hochschulen. Ich stieß einige Prozesse an, insbesondere in meiner Heimatstadt. Ich erweiterte Möglichkeitsräume und Horizonte, aktivierte ein kreatives Ökosystem, in dem ich Akteur:innen und die vernetzte Wirksamkeit sichtbar machte (XO TALK).
Die gesprochenen Botschaften des XO-Projekts waren wirtschaftliche Argumentationsketten („Kreativwirtschaft und Kultur als ernstzunehmende Ressource für Städte“, „Kreativität als Werkzeug für Innovationsprozesse“). Doch was ich mir insgeheim wünschte dass alle Teilnehmer:innen mitnahmen, war vielmehr das gefühlte Erlebnis von Kreativität basierend auf Werten von Gemeinschaft, Akzeptanz, Authentizität und Offenheit. Welches Potenzial in Städten steckte, wenn doch alle Beteiligten wohlwollend nach ihren Talenten, Möglichkeiten und Privilegien für das große Ganze (hier: eine lebendige, vielfältige Stadt) handelten.
Auch wenn sich aus meinem Engagement einiges entwickelte und ich Möglichkeitsräume für Kultur und Kreativwirtschaft schuf, so war ich persönlich nicht zufrieden mit den Wegen und Mitteln, Kreativität in Kontext zu setzen. Ich hatte das Gefühl, ich war zur Kreativwirtschafts-Botschafterin der Stadt aufgestiegen. Dabei war es nur ein Aspekt von Kreativität, und ein Werkzeug, um Kreativität als Ressource, Standortvorteil und Wirtschaftskraft zu vermitteln. Und zwar in einem bestehenden System und Narrativ.
Der Störfaktor, den ich fühlte, aber nicht zu bearbeiten wusste, war, dass dieses Framing von Kreativität für mich zu sehr auf das Resultat ausgerichtet war und zu sehr auf dem Wertesystem einer wettbewerbsfokussierten Industriegesellschaft. Ich nehme mich da nicht aus. Auch mein eigenes Denken und Wirken steckte und steckt in diesem Wertesystem (- so eine Konditionierung lässt sich nicht von heute auf morgen verlernen).
Doch auch wenn ich spürte, dass eine Übergewichtung des kreativen Resultats bestand, so war ich beispielsweise bei der KI-Debatte uneins. Die Anwendung von KI wird weiter zunehmen. Das, was möglich ist, sehe ich zukünftig exponenziell skaliert. Welche Rolle spielt menschliche Kreativität dann noch? Ich hatte nur ein Schulterzucken übrig bei dieser Frage, die fast täglich so oder so ähnlich in meinem Feed landete.
War das die richtige Frage? Waren Argumente der richtige Weg?
Domestizierte Kreativität?
Im seinem Newsletter vom 19. April 2026 beschreibt Indy Johar die in der Gesellschaft wahrgenommene Angst, dass durch KI nun auch noch die letzte menschliche Bastion eingenommen werde. Stile, Bilder, Filme, Musikstücke und weiteres werden künstlich generiert. Wird die Kreativität selbst also künstlich generiert?
Seine Antwort resoniert mit mir und tischt gleichzeitig viele systemische Probleme auf: Das, was automatisiert wird, ist eine Art von Kreativität, die auf vergangenen Daten basiert. Nicht weiter neu für mich, doch wichtig zu benennen. Relevant für mich wird sein Gedankengang durch die systemische Brille: Diese kreativen Daten werden in einem menschengemachten System geformt (KI-Modell), das auf den Prinzipien einer Industriegesellschaft fußt. Kreativität wird ausgerichtet nach dem Output, dem Stil und der bestmöglichen Verbreitung. Die Maschinen replizieren Kreativität basierend auf diesen Prinzipien.
„When machines begin to outperform us within this domain, they are not invading a wild territory. They are operating within a domesticated one“ – Indy Johar
Der Gedankengang, dass uns die Kreativität abgenommen wird, macht daher nur unser aktuelles eingeschränktes Verständnis von Kreativität im System einer Industriegesellschaft deutlich. Wir werden durch das Aufkommen von KI und Co. (endlich) mit unseren gedanklichen Grenzen konfrontiert: Was an Kreativität hat (für uns) Wert? Ist es nicht der kreative Prozess selbst – das Transformative, was in uns geschieht und in anderen?
Wie sind wir Menschen in kreativer Wildnis, in wilder Kreativität? Und wie kann eine solche Kreativität in unserem Zeitalter mit diesem Wertesystem überhaupt praktiziert werden?
Reality-Check vs. Utopien-Kultivierung
Heute stoßen wir an alltägliche Probleme und das Achselzucken kehrt zurück: Wie die Wohnungsmiete zahlen, wenn sich KI-Content besser verkauft als meine mit Herzblut gestalteten Kinderbücher? Woher kommt das Geld für Lebensmittel, Mobilität, Gesundheit, Leben? Was bringt denn die Kreativität von Menschen für die herannahenden Krisen, Kriege, Klimawandel? Diese Fragen haben das Potenzial den Keim jeder Utopie zu kappen. Daher möchte ich diese Fragen zwar nennen – ich erkenne sie an – und gleichzeitig der Lösungsentwicklung mehr Raum geben.
Denn wenn schon klar ist, dass Technologie menschliche Arbeit und Kreativität outperformt, dann ist es doch unsere Aufgabe, uns mit all unserem Fokus Gesellschaften vorzustellen und zu erschaffen, die Kreativität und Menschsein in einer Zeit der Technologisierung ermöglichen.
Die Fragen, die mich beschäftigen:
- Wenn KI nur domestizierte Kreativität repliziert: Was wäre dann wilde Kreativität – und wie können wir sie in unserem Handeln und unseren Systemen verankern?
- Wie sieht eine Gesellschaft aus, die Kreativität nicht als Ressource, sondern als Grundhaltung versteht – und welche Werte müssten dafür an die Stelle von Effizienz und Wettbewerb treten?
Ich bin nicht die Erste und wahrscheinlich auch nicht die Letzte, die diese Fragen aufwirft. Und doch bin ich überzeugt, dass diese Fragen nicht genug gestellt und besprochen werden können.
Mein Wunsch ist es jedoch, diese Frage nicht nur zu zerdenken, sondern Wege zu finden, diese Themen zu erspüren, erkunden und erlebbar zu machen.
Was meinst Du?
Was ist Deine Perspektive auf das Thema?
Welche Autor:innen, Projekte, Werke fallen Dir dazu ein?